Fendigasse

Sommer 2010

Der Ramadan hat gerade begonnen. Nun ist es traurige Gewissheit: das Haus in der Dietrichgasse wird abgerissen. Sie müssen raus, so rasch wie möglich. Frau Bock kümmert sich um eine Ersatzwohnung.

Die „neue“ Wohnung befindet sich in der Fendigasse, im 5. Bezirk. Uraltbau, 4. Stock und 30m² groß.

Ich helfe beim Übersiedeln und bewundere wiedermal die Kinder, die ganz selbstverständlich zig Male die vier Stockwerke rauf und runter rennen und tragen und schleppen.

In einem unbeobachteten Augenblick rief ich Günther an und schluchze ins Telefon: „diese Wohnung ist ein Albtraum für eine sechsköpfige Familie!“

Sanet, absolute Meisterin der Familien- und Wohnungsorganisation hat aufgrund endloser Übersiedlungen alles schnell im Griff. Ich traue meinen Augen nicht, als sie sogar nach Einbruch der Dunkelheit den Tisch mit Ramadan Speisen deckt. Nach nur einem Tag hat alles seinen Platz und es gibt in diesem begrenzten Lebensraum nur folgende Möglichkeiten: entweder alle schlafen, denn der Raum ist voll mit Matratzen, oder alle „wohnen“ weil die Matratzen tagsüber an der Wand lehnen.

Meine Devise lautet nun also: die Kinder so oft wie möglich abholen und spazieren oder mit ihnen zum Spielplatz gehen.

Das Schönste und Positivste in der „Fendigassen-Zeit“ war Dzhabrails Einschulung und die liebevolle Betreuung seiner Lehrerin! Er liebte die Schule und war so stolz darauf, nun ein Schulkind zu sein.

Wir Erwachsenen jedoch wussten: auf  Dauer drehst du durch mit vier kleinen, aufgeweckten Kindern auf gerade mal 30m²…

Umar setzte alle Hebeln in Bewegung, bat Frau Bock immer wieder um Hilfe. Eines Tages kam der erhoffte Anruf: „Uschi, wir kommen nach Mürzzuschlag in ein Asylheim und bekommen sogar Grundversorgung!!!“

Ok, Mürzzuschlag ist von Wien aus gut erreichbar, schöne Gegend und vor allem: erstmals gibt’s Geld für die Familie! Klingt alles wunderbar!