Dietrichgasse

So begann für uns die „Dietrichgassen-Zeit“. Wann immer wir konnten, das heißt mindestens einmal pro Woche düsten wir in den 3. Bezirk in die  Dietrichgasse. Ein Haus, von Ute Bock zur Verfügung gestellt, für Asylantenfamilien. Umar und Sanets Wohnung befand sich im 4. Stock und so keuchten wir bepackt mit Lebensmitteln und Spielsachen wöchentlich in die gemütliche Wohnung, wurden herrlich bekocht und fühlten uns inmitten dieser Familie unheimlich wohl!

Sehr schnell verflog die Scheu der Kinder, die Kommunikation funktionierte mit Händen, Füßen und Umar als Übersetzer wunderbar!

Es war eine wundervolle, schöne, lustige Zeit mit Spielplatzbesuchen auf der Jesuitenwiese, sommerlichen Schwimmtagen bei Alex im Pool, Bootfahren auf der Alten Donau, Nachmittage bei uns im Garten und am Hirschstettner Badeteich. Wir besuchten den Tiergarten, die Familie bestaunte zum ersten Mal Elefanten, Löwen, Giraffen. Wir spielten am liebsten Memory, bemalten ganz „un-islamisch“ Ostereier und die Kinder waren begeistert und offen für alles Neue.

Umar wurde kurzerhand zum Rapid Wien Fan erklärt und besuchte mit Dani das Hanappi Stadion.

Ich kaufte mir ein Auto mit sieben Plätzen und so machten wir ganz Wien unsicher!

Die Buben lernten so schnell ein paar Wörter deutsch und täglich wurden es mehr. Radima verlor langsam ihre Schüchternheit und fand vor allem in Lenny einen guten Spielgefährten.

Die Kids spielten, kämpften, stritten so wie auf der ganzen Welt und wir saßen ganze Nachmittage mit Umar und Sanet bei Tee und Torte und quatschten und quatschten und quatschten …

Die Familie erhielt zu diesem Zeitpunkt keine Grundversorgung. Frau Bock kam für die Wohnungskosten auf , einmal pro Woche konnten sie sich Essensgutscheine holen im Wert von ca. € 50,– Sanet holte sich regelmäßig Milch aus einem Kloster und Lebensmittel von der Caritas. Umar ist es natürlich nicht erlaubt, offiziell zu arbeiten.

Dass dieses Haus in der Dietrichgasse bald der Abrissbirne zum Opfer fallen sollte, wussten wir alle von Anfang an, aber es zählte für einige Monate nur das „Hier und Jetzt“ – das haben wir genossen!